Eine Kolumne von Roland Keller

„Ich fühle mich im Bundesland Bayern sehr wohl“, sagte kürzlich der vom FC Augsburg zum 1. FC Heidenheim wechselnde Fußballspieler Michael Thurk. Vielleicht meinte der ehemalige Mainzer und Frankfurter damit auch nur, dass er weiterhin in Bayern wohnen kann, wenn er in Heidenheim spielt. Fakt ist aber, dass sich Heidenheim, in dem 2012 die Landesdelegiertenkonferenz der Jusos Baden-Württemberg (LDK) stattfindet, nicht in Bayern, sondern im Osten des Ländles befindet. Sollten ungefähr 250 Jusos in dieser schwäbischen Kleinstadt am Geburtstag von Karl Marx etwa eine Revolution auslösen?

„Revolutionäre Zelle Baden-Württemberg“, so hieß jedenfalls die nicht mehr existierende geheime Facebook-Gruppe der „Juso-Linke“, die unter der Mehrheit der anderen Juso-Strömung („Pragmatische Linke“) leidet. Da die heftigen Diffamierungen und persönlichen Unterstellungen gegenüber parteiinternen Gegnern in dieser Gruppe kürzlich in der ganzen baden-württembergischen SPD öffentlich geworden sind, sind sie nun auch ein großes Diskussionsthema am ersten Tag der LDK. Nach der Konferenz werden auch einige Zeitungen über die „Facebook-Affäre“ berichten. In Anlehnung an Wikileaks, wo geheime Dokumente veröffentlicht werden, könnte man dafür auch den Begriff „Juso-Leaks“ verwenden.

Blinder, wütender Rausch“

Der ausscheidende Juso-Landesvorsitzende Frederick Brütting appelliert an die Jusos, dass Politik nicht nur Selbstbeschäftigung sein könne und Flügelkämpfe in der SPD nicht „in einem blinden, wütenden Rausch“ nachgespielt werden sollten. Manche ehemaligen Mitglieder der Gruppe bitten in der Aussprache zum Rechenschaftsbericht des bisherigen Juso-Landesvorstands um Entschuldigung. Andere werfen dem Landesvorsitzenden vor, er sei nur der Vorsitzende einer Strömung und integriere die Meinung der anderen nicht ausreichend. Die Diskussion sei außerdem in dem Dossier, das an viele Jusos nach dem Bekanntwerden der Gruppe verschickt wurde, verkürzt dargestellt und so aus dem Zusammenhang gerissen worden. Natürlich wären manche Kommentare nicht in Ordnung gewesen und das solle so nicht mehr passieren. Die Geheimdienstmethoden, mit der die Gruppe diffamiert worden sei, seien aber ebenso fragwürdig. Ein anderer Redner stellt allerdings eine nicht unwesentliche Frage: „Wenn ich als Arschloch bezeichnet werde, wie kann man das aus dem Zusammenhang reißen?“

Auch der Hauptredner, der Wirtschafts- und Finanzminister Nils Schmid, mit dem sich viele fotografieren lassen, betont, dass eine Unterteilung der Parteigenossen in Freund und Feind nicht hilfreich sei. Ansonsten sagt der in der Öffentlichkeit manchmal als etwas bieder dargestellte SPD-Landesvorsitzende, dass der von der Union oft geäußerte Vorwurf, die SPD könne nicht mit Geld umgehen, gerade von der aktuellen Landesregierung widerlegt werde. Die weiteren Grußworte der Parteigäste gehen nicht auf „Juso-Leaks“ ein. Der Mannheimer Europaabgeordnete Peter Simon lobt beispielsweise die Jusos dafür, dass sie sich im kommenden Arbeitsjahr mehr mit Europapolitik beschäftigen wollen.

Brüder im Geiste

Stammgast auf Landeskonferenzen der Jusos ist die als Vertreterin der SPD-Linken auf Bundesebene („DL21“) flügelkampferprobte Hilde Mattheis aus Ulm. Die Bundestagsabgeordnete hat oft einen recht missmutigen Blick und wirkt nicht besonders freundlich. Möglicherweise ist dies auch den häufig hart geführten parteiinternen Steitigkeiten geschuldet. In ihrer kurzen Rede schwört die Ulmerin die Jusos auf die Bedeutung der kommenden Wahlen für die SPD ein. Auch auf die Relevanz des Machtwechsels in Frankreich geht sie ein. Der zukünftige sozialistische Präsident François Hollande, auf der LDK manchmal versehentlich auch mit der weiblichen Namensform „Françoise“ bezeichnet, ist für sie ein Hoffnungsträger. Dieser hat im Wahlkampf, wie von der „FAZ“ zitiert wird, gesagt, er habe in seiner langen Zeit als Vorsitzender der „Parti Socialiste“ bei vielen Flügelkämpfen alle Niederungen des menschlichen Charakters kennengelernt. Vielleicht kann das auch mancher von sich behaupten, der schon mehrere Jahre aktives Mitglied bei den Jusos Baden-Württemberg ist.

Zum Abschluss ihrer Rede wünscht Hilde Mattheis den Jusos noch, dass sie einen guten neuen Vorstand wählen. Welche Kandidaten sie damit meint, sagt sie aber nicht. Beim Stakkatoklatschen nach den Reden der beiden Kandidaten für den Landesvorsitz wird das Ergebnis der Wahlen durch die Anzahl der Stehenden schon vorweggenommen: Markus Herrera Torrez aus Lauffen am Neckar setzt sich klar gegen den Vertreter der „Juso-Linke“ Christian Kollmer durch. Beide halten gute Reden und betonen darin unter anderem die große Geschichte der SPD. Auch wenn nur der Kandidat der Juso-Linken erklärt, die Verteilungsfrage stellen zu wollen, so sind beide Kandidaten in einem Punkt doch Brüder im Geiste: Sie sind Anhänger des FC Bayern München. Vielleicht können sie ja bald gemeinsam den Champions-League-Sieg ihres Lieblingsvereins feiern.

Die Reden der anderen Kandidaten können nicht alle mit den Reden der beiden potenziellen Vorsitzenden mithalten. Manche betonen oft die falschen Worte und andere wirken in ihrem welterklärerischen Duktus wie kommende Außenminister. Ein Kandidat aus Mannheim trägt ein rotes Jackett, was einige Tübinger an ihren Oberbürgermeister Boris Palmer erinnert, der während seiner Kampagne „Tübingen macht blau“ häufig mit einem blauen Jackett auftrat. „Die Jusos sind rot“ oder ein ähnlicher Spruch würde aber wohl nicht für große Begeisterungsstürme sorgen.

Das kann nicht sozialdemokratische Politik sein!“

Im Verlauf der LDK werden etwa 30 Anträge besprochen, die vom Juso-Landesvorstand oder verschiedenen Kreisverbänden verfasst worden sind. Sie beschäftigen sich mit Europapolitik, Asylpolitik und Industriepolitik. Der Kreisverband Stuttgart, der mehrheitlich aus Mitglieder der Juso-Linken (JL) besteht, ärgert sich, dass ein von ihnen erstellter großer Antrag an eine Europa-Projektgruppe verwiesen wird. Einige JL’er sind kurzzeitig ziemlich aufgebracht; die Verzweiflung darüber, dass sie ihre Position nicht haben durchsetzen können, ist offensichtlich. Sie stehen zusammen und teilen dabei ihren Frust. Ansonsten wird manchmal auf recht hohem Niveau diskutiert. Die Jusos beschließen dabei unter anderem einen verpflichtenden Hauswirtschafts- und Technikunterricht für alle Schüler. Dadurch sollen nicht zuletzt überkommene Rollenbilder verhindert werden.

Welche Bedeutung für viele Redner der Beschluss oder die Ablehnung eines bestimmten Antrags hat, wird oft durch das große Pathos in ihren Reden deutlich. Der nicht bei allen Jusos beliebte Helmut Schmidt hat mal gesagt, wer Visionen hat solle zum Arzt gehen. Legt man diese Aussage zugrunde, so könnte man sagen, manche Jusos müssten vor lauter Visionen dringend auf die Intensivstation. Es wirkt gelegentlich, als würde hier gerade eine Regierung ein wegweisendes Gesetz beschließen. Ein einstimmig beschlossener Antrag mit dem Inhalt, dass das von der schwarz-gelben Bundesregierung geplante Betreuungsgeld abzulehnen sei, wird als wichtiges Signal verstanden. Aber unklar ist, warum sich die Jusos Baden-Württemberg zu diesem Thema überhaupt äußern müssen, wenn die SPD dies ohnehin schon sehr oft getan hat. So wirkt der Antrag auf manche vielleicht etwas aufgeblasen.

„Das kann nicht sozialdemokratische Politik sein!“ oder „Das ist sozialdemokratisch!“, so werden in den Debatten häufiger Meinungen begründet. Fraglich ist, was wohl jemand, der kein hundertprozentiger Sozialdemokrat ist, von einer solchen Argumentation hält. Außerdem ist völlig unklar, wer bestimmt, was sozialdemokratisch ist oder sein soll.

Ein Teilnehmer meint, sich für seinen Dialekt entschuldigen zu müssen und versucht, das Hochdeutsche durch das Vorlesen eines aufgeschriebenen Textes zu erzwingen. So ganz gelingt ihm das aber nicht und nach Ermunterung durch andere Anwesende kehrt er bei seiner nächsten Rede dann doch wieder zum ursprünglichen Schwäbisch zurück. Möglicherweise haben ihn die oft etwas hochtrabenden mit Fremdwörtern gespickten Reden einiger anderer auf die Idee zur vorbeugenden Entschuldigung gebracht. Abschreckend könnte auch für nicht wenige sein, dass einige Redner bei Vergessen der weiblichen Form gleich dankbarerweise auf das fehlende „Innen“ hingewiesen werden („Schüler und Schülerinnen!“). Vielleicht stellt ja irgendwann mal jemand den Antrag, das Problem mit Hilfe eines Piepstons zu lösen. Immerhin scheint die geschlechtergerechte Sprache aber bei den Jusos schon recht gut verbreitet zu sein. Warum jedoch keiner derjenigen, die fast jede Gelegenheit ihre Genossen zu maßregeln ergreifen, die Diffamierungen in der Facebook-Gruppe kritisiert hat, bleibt eine offene Frage.

Übertriebene Ernsthaftigkeit und Realsatire im Wechsel

Übertriebene Ernsthaftigkeit wird im Verlauf der LDK manchmal plötzlich durch Realsatire abgelöst. So wird ein wohl scherzhaft gemeinter Antrag, der mehr Katzenaugen im Straßenverkehr fördert, in mehreren ironischen Redebeiträgen im gleichen Stil behandelt wie andere Anträge. Ein anderer Antrag, der die Kritik am, bei vielen baden-württembergischen Jusos unbeliebten, Bundesvorsitzenden Sascha Vogt wegen neu eingeführter Juso-Mitgliedsbeiträge beinhaltet, erhält durch einen Zusatz satirischen Charakter: Mehrheitlich beschließt die Versammlung, dass Sascha Vogt nicht nur seinen Fehler eingestehen solle, sondern auch Currywürste an die Jusos auszugeben seien.

Currywürste sind ohnehin sehr präsent an diesem Wochenende. Für einiges Aufsehen hat vor kurzem ein von zwei Tübinger Jusos für die SPD Nordrhein-Westfalen erstelltes Wahlkampfplakat mit dem Titel „Currywurst ist SPD“ gesorgt. Manche bei der SPD und den Jusos finden, dass dadurch das Lebensgefühl an Rhein und Ruhr gut ausgedrückt wird, andere halten es für vollkommen inhaltsleer und peinlich. Vielleicht kommen dem einzigartigen Plakat ein früheres Plakat der SPD Rheinland-Pfalz mit dem Motto „Wo gefeiert wird, ist Rheinland-Pfalz“ sowie ein CSU-Plakat mit der Aufschrift „Sommer, Sonne, Bayern“ am nächsten. In Heidenheim gibt es nun aus gegebenem Anlass zum Mittagessen Currywurst und mehrere Redner beziehen sich auf das Plakat der zwei Tübinger, die beide anwesend sind. Der bei einigen Jusos sehr beliebte Karl Marx wird dagegen trotz seines Geburtstags nur in wenigen Reden erwähnt.

Abschied der Ziehmutter

Am Schluss der LDK erhalten alle ausgeschiedenen Vorstandsmitglieder stehende Ovationen. Während bei den anderen Vorständen die freundschaftliche und gute Zusammenarbeit untereinander betont wird, geht es bei der Verabschiedung der beiden Mitglieder der Juso-Linken Luisa Boos und Mark Fischer deutlich pathetischer zu: Beide werden in den Dankesreden als für die „Juso-Linke“ besonders prägende Figuren dargestellt, die trotz ihrer Minderheitenposition eine außergewöhnliche Arbeit im Landesvorstand geleistet hätten. „Du bist so etwas wie eine politische Ziehmutter für mich, Luisa!“, sagt ein Genosse. Auch neutrale Beobachter könnten jetzt sicherlich gerührt sein, wenn sie die Existenz dieser Facebook-Gruppe nicht im Hinterkopf hätten.

Mark Fischer erzählt noch, dass er vor einigen Jahren in Mecklenburg-Vorpommern zu den besonders rechten Jusos gehört hätte, dass er aber bei den Jusos Baden-Württemberg nun richtig sozialisiert sei. Eine Wandlung vom Saulus zum Paulus oder umgekehrt, je nach Betrachtungsart. Und so stellt sich für viele junge Sozialdemokraten irgendwann die Frage, welche Jusos man lieber hat: Man kann sich einerseits für diejenigen entscheiden, die jede Meinung auf ganz klare Positionen zurückführen können und fast immer mit großer Leidenschaft diskutieren. Nicht selten wirken sie dabei hochtrabend, verbissen und maßregelnd. Oft betonen sie die Bedeutung marxistischer und sonstiger Theorien und wollen die Systemfrage stellen. Andererseits kann man auch die Jusos bevorzugen, die nicht ganz so verbissen ihre Meinungen vertreten und insgesamt etwas lockerer wirken. Der Preis dafür ist oft eine gewisse Stromlinienförmigkeit und manchmal eine nicht völlig klare politische Position. Vor umstrittenen Aktionen wie der Erstellung von Plakaten mit Currywürsten schrecken einige dieser Jusos nicht zurück. Dafür lassen sie aber auch nichtakademische junge Leute, die mit Marx nicht so viel anfangen können, mitmachen.

Currywurst statt Marx
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