Von Roland Keller

Die SPD hat vor der Landtagswahl 2011 einen neuen Politikstil versprochen. Es soll nicht mehr nur von oben herab regiert, sondern verstärkt auf die Bevölkerung zugegangen werden. Damit will man sofort erkennen, wo der Schuh drückt.

Wenn auch das Wahlergebnis prozentual gesehen nicht gerade als Erfolg verbucht werden kann, so bietet sich der SPD nun immerhin als Juniorpartner in der Regierung die Gelegenheit, dieses Versprechen umzusetzen. Auch die Jusos Tübingen haben es sich als Jugendorganisation auf die Fahnen geschrieben, näher bei den Menschen zu sein. Mehrmals in der Woche waren sie im Wahlkampf, der Anfang 2011 stattfand, auf der Straße, um für ihre Mutterpartei zu werben.

Im neuen Arbeitsjahr, das wegen der Landtagswahl und der deshalb verschobenen Vorstandswahlen erst im April begonnen hatte, wollte man nun auch außerhalb des Wahlkampfs mehr in der Öffentlichkeit aktiv sein. Bei einigen Passanten stieß es auf Verwunderung, die Jusos im Sommer an einem Informationsstand zum Thema Sozialpolitik in der Innenstadt zu sehen. „Die Wahlen sind doch vorbei!“, hieß es von manchen. Allerdings gab es daneben auch wohlwollende Reaktionen. Ein Stand mit dem Motto „100 Jahre rot-grüne Regierung“ und eine „Wunschbaumaktion“ kurz vor Weihnachten stießen ebenfalls auf Interesse. Der von dem Parteinachwuchs betriebene Bratwurststand am Tag der SPD wurde durchweg positiv gesehen; gleiches galt für den gut besuchten Workshop zum Thema „Mitbestimmung in der Schule“ bei der Veranstaltung.

Auch beim Jugendfest in Nehren wurde Verköstigung mit Politik verbunden, wobei es diesmal außerdem sportlich zuging: Dosenwerfen, Tischfußball und Waffeln kombiniert mit einem Politikquiz kamen bei den Jugendlichen gut an. Gebastelt wurde bei der Aktion „Recycle your style“ des Jugendgemeinderats. Aus einem Tetrapack kann man offensichtlich einen Geldbeutel und aus einer alten Chipkarte ein Plektrum herstellen.

Die Jusos hielten sich aber nicht nur an der frischen Luft auf: Anlässlich des Welt-AIDS-Tags wurden gemeinsam mit dem Verein „Jugend-Gegen-AIDS“ zwei kostenlose Vorführungen des Films „Themba“ organisiert. Im November wurde zudem im Restaurant Africa ein interkultureller Stammtisch veranstaltet, der sich vor allem an Migranten richten sollte, allerdings vorrangig von SPD-Mitgliedern besucht wurde. Beim nächsten Mal sollen verschiedene Vereine früher informiert werden, damit dann auch Leute ohne Parteibuch zu einer solchen Veranstaltung kommen. Das Thema Integration wird weiterhin bei den Jusos eine große Rolle spielen.

Ebenfalls nicht auf der Straße findet innerhalb des Semesters jeden Donnerstag (19 Uhr) eine Juso-Sitzung im SPD-Büro statt. In den Semesterferien trifft man sich aufgrund des hohen studentischen Anteils und einer daraus resultierenden Abwesenheit vieler Jusos unregelmäßig. Die Sitzungen im Jahr 2011, zu denen auch oft externe Gäste kamen, hatten sehr unterschiedliche Themen wie Staatskirchenrecht, Integration, Schulpolitik und die geplante Parteireform in der SPD. Gelegentlich wurden auch Anträge behandelt; Man diskutierte dabei u. a. leidenschaftlich über einen Antrag zur Abschaffung der Dynamopflicht an Fahrrädern. Diejenigen, die besonders gerne Anträge verfassen, treffen sich in einem „Arbeitskreis Programmatik“, an dem auch Nicht-Jusos teilnehmen.

Über solche Anträge wird dann z. B. auf der Landesdelegiertenkonferenz (LDK) der Jusos Baden-Württemberg abgestimmt. Dieses Jahr war hierzu eine recht weite Anreise nach Osterburken im Neckar-Odenwald-Kreis erforderlich. Einige, die zum ersten Mal eine LDK besuchten, empfanden die Flügelkämpfe im Juso-Landesverband als befremdlich. Neben der LDK gibt es auch verschiedene regionale Treffen (Regiotreffen), eines davon im letzten Jahr in Tübingen.

Da Öffentlichkeit immer mehr im Internet stattfindet, wurde die Webseite der Jusos erneuert, wobei auch das nicht bei allen beliebte „Facebook“ integriert ist. Etwa 200 Leute verfolgen mittlerweile die „Facebook“-Seite der Jusos; auch Twitter-Nachrichten können abonniert werden.

Auf der Jahreshauptversammlung der Jusos Tübingen im Januar 2012 wurde der Vorstand verkleinert; er wird sich nun vornehmlich um die Koordination der Sitzungen und sonstiger Veranstaltungen kümmern. Im nächsten Jahr ist dabei für Jugendliche eine überparteiliche „Werkstatt Zukunft“ geplant, die ein ganzes Wochenende dauern soll und in der die jungen Menschen ihre Wünsche für die zukünftige Politik äußern können. Hierzu muss mit den Jugendorganisationen der anderen Parteien zusammengearbeitet werden. Dies gilt auch für die beabsichtigte Einrichtung eines „Rings Politischer Jugend“ (RPJ), der Jugendliche für Politik begeistern soll.

Auf der Straße wird man die Jusos sicherlich im nächsten Jahr weiterhin antreffen können. Vielleicht gewöhnt sich die Tübinger Bevölkerung dann nach und nach daran, den alten SPD-Schirm auch in wahlkampffreien Zeiten gelegentlich zu sehen.

Die Jusos auf der Straße

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