In der Online-Version der FAZ erschien vergangenen Sonntag ein Beitrag der Journalistin und Theologin Heike Schmoll über eine bisher unveröffentlichte, weil unvollständige Studie welche unter Federführung des Tübinger Erziehungswissenschaftlers Prof. Dr. Thorsten Bohl in Kooperation mit den Pädagogischen Hochschulen Freiburg, Heidelberg, Weingarten und Schwäbisch Gmünd durchgeführt wird. Diese Institutionen erhielten den Auftrag, die Einführung der Gemeinschaftsschule in Baden-Württemberg wissenschaftlich zu begleiten.

Frau Schmoll, Preisträgerin des Vereins zur Reinhaltung der deutschen Sprache und Autorin des Buches Lob der Elite. Warum wir sie brauchen, wettert gegen die Idee des gemeinsamen Lernens und erklärt dieses anhand der Befragungen an der Tübinger GSS für insgesamt gescheitert. Dies scheint insofern interessant, als Frau Schmoll sich scheinbar schon etwas näher mit dem PISA-Gewinnerland Finnland auseinandergesetzt hat. Dort wurden das gemeinsame Lernen in der Sekundarstufe sowie individualisierte Lernmethoden – wie in den meisten Ländern der Welt – flächendeckend eingeführt. Kurzerhand erklärt sie Frontalunterricht – bar jeglicher Quellenangabe – für erwiesenermaßen effektiv und scheint somit alleinig über Informationen zu verfügen, die diese Debatte ein für alle Mal weltweit beenden könnte. Als Journalistin, die sich bereits mehrfach zur Bildungspolitik äußerte, sollte sie eigentlich besser wissen, wie die raren Studien zu interpretieren sind und dass insbesondere in die Hattie-Studie, die umfassendste Meta-Meta-Studie der Bildungsforschung, nicht wie bei einem Rorschach-Test einfach alles hineininterpretiert werden kann, was man möchte. Ferner müsste sich Frau Schmoll ebenso darüber im Klaren sein, dass es sich bei der Studie rund um die Tübinger Forschergruppe in Kooperation mit den Pädagogischen Hochschulen um ein Mixed-Method-Design handelt und gerade die qualitativ gewonnenen Daten gewiss nicht dazu intendiert sind, verallgemeinernde Aussagen über alle Gemeinschaftsschulen zu treffen, sondern lediglich eine Momentaufnahme einer spezifischen Einzelschule darstellen.

Was die Ergebnisse der Befragungen an den Gemeinschaftsschulen anbelangt, muss der Rest der Bevölkerung auf den endgültigen Bericht warten, bis er wie vorgesehen veröffentlicht wird.

Eines lässt sich aber jetzt schon sagen: In den vergangenen fast 60 Jahren hat die CDU im Bund, aber auch in Baden-Württemberg drei Entwicklungen verschlafen:

  • Die CDU hat nicht auf die seit über 20 Jahren anhaltende Abwahl der Hauptschulen reagiert, wodurch zum einen viele Schulen auf dem Land vor der Schließung stehen und zum anderen vor allem die Schülerschaft an den Realschulen deutlich heterogener wird.
  • Die CDU hat nicht auf den demografischen Wandel und den Rückgang der Schülerzahlen reagiert, was die Lage vor allem der ländlichen Schulen zusätzlich verschärft.
  • Die CDU hat in keiner Weise auf die 2009 von der Regierung Merkel ratifizierte UN-Behindertenrechtskonvention reagiert noch die Weichen hierfür gestellt. Diese verpflichtet alle Bundesländer, jenen Kindern und Jugendlichen, die bisher in die Sonderschulen abgeschoben wurden, die Chance zu bieten, mit ihren gleichaltrigen Freunden eine Regelschule zu besuchen und so an der Gesellschaft teilzuhaben.

Die Ignoranz der CDU gegenüber diesen drängenden Problemen forderte vom seit 2011 SPD-geführten Kultusministerium in Baden-Württemberg etliche schwere, schnelle Entscheidungen.

Eventuell treffen einige der Kritikpunkte, die Frau Schmoll aus dem Bericht erwähnt, auf die GSS zu; dies bleibt abzuwarten. Sie sind aber weder einem mangelnden Engagement der Lehrkräfte noch dem Wunsch der Umsetzung aller Beteiligten noch alleinig der Landesregierung oder dem Kultusministerium zuzuschieben. Vielmehr sollte man sich fragen, weshalb die Vorgängerregierungen bisher keinen Finger gerührt haben, um die erwähnten Probleme anzugehen.

Den Schwarzen Peter nun aber dem Handwerker zuzuschieben, der den Pfusch des Handwerkers zuvor in Grenzen hält, ist überzogen und deplatziert. Fast 60 Jahre ungerechte Bildungspolitik kann nicht in einer Legislaturperiode verändert werden.

Des Weiteren sollte Frau Schmoll wissen, dass eine Reform wie jene der Gemeinschaftsschule Anlaufschwierigkeiten in sich birgt und wie alles Gute seine Zeit braucht. Geben wir der Gemeinschaftsschule diese Zeit, um ihr Potenzial zu beweisen.

Und vor allem: Geben wir den Schülerinnen und Schülern, den Eltern sowie den Lehrkräften ein Bildungssystem, auf das sie sich verlassen können – und nicht eine Rückkehr zu einem ungerechten, sozial selektiven und ineffizienten dreigliedrigen Schulsystem.

Hessisches Interpretationskommando

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