Ein Artikel aus unserer Reihe „Keller-Kolumne“ von Roland Keller

Über die Integration von Migranten in die deutsche Gesellschaft gab es in den letzten Jahren relativ viele Diskussionen und einige Probleme wurden dabei angesprochen. „Integration gelingt spielend“, so lautet dagegen der Titel einer Veranstaltung der Jusos Tübingen in Rottenburg. Etwa 15 Leute sind am frühen Abend versammelt, um Petar Drakul, Referent im baden-württembergischen Integrationsministerium, und Ramazan Selcuk von der SPD Reutlingen zuzuhören. Das Motto der Diskussionsrunde galt für den mühsamen Lebensweg der beiden Gäste nicht immer, wie sich im Verlauf des Abends manchmal zeigt.

Die beiden Referenten werden von dem Vorsitzenden der SPD Rottenburg Cihan Ipek begrüßt, der auch aus einer Einwanderfamilie stammt. Der Mannheimer Petar Drakul, neben seiner Funktion im Ministerium außerdem Mitglied im Landesvorstand der SPD, sagt gleich zu Beginn: „Irgendwann wird ein Migrationshintergrund in Deutschland keine Rolle mehr spielen.“ Ein solcher Migrationshintergrund liege vor, wenn mindestens ein Elternteil nach 1949 nach Deutschland eingewandert sei. Bei Petar Drakuls Sohn, einem „waschechten Mannheimer“ trifft diese Definition nur aufgrund der Mutter zu, die im Gegensatz zu dem SPD-Landesvorstand nicht in Deutschland, sondern im ehemaligen Jugoslawien geboren ist.

Unbewusste Diskriminierung

Der Ministeriumsmitarbeiter spricht von einer Benachteiligung der Migranten im Bildungssystem und auf dem Arbeitsmarkt: Die Arbeitslosigkeit sei bei diesen wesentlich höher als bei den Deutschen ohne Migrationshintergrund und deutlich mehr Migrantenkinder besuchten die Hauptschule (40 % statt 12,4 %). Gleichzeitig existiere ein Fachkräftemangel, was in Zukunft eine bessere Qualifikation von Migranten, aber auch von Frauen  sowie eine verstärkte Zuwanderung erfordere. Die Probleme der Migranten auf dem Arbeitsmarkt führt Petar Drakul auf Schwierigkeiten mit der deutschen Sprache und auf eine fehlende Anerkennung ausländischer Abschlüsse zurück. Die Landesregierung hat immerhin bereits diese Anerkennung erleichtert.

Als wichtige Maßnahmen nennt der Mannheimer eine bessere Sprachförderung und mehr Kontakt mit den Eltern. Anonyme Bewerbungsverfahren haben laut einer Studie bei großen Unternehmen die Chancen von Migranten und von Frauen auf Einladung zum Gespräch verbessert. Damit will man das Problem der unbewussten Diskriminierung  in den Griff bekommen: Die Unternehmen wählten bevorzugt Bewerber aus, die den bisherigen Mitarbeitern ähnelten, wodurch Frauen und Migranten benachteiligt seien. Vergleichbare Bewerbungsverfahren beabsichtigt Drakul auch in Baden-Württemberg auszuprobieren, allerdings mit einer Fokussierung auf kleine und mittelständische Unternehmen. Es sei aber noch unklar, inwieweit eine anonyme Bewerbung bei diesen praktikabel sei.

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„Ich muss Deutsch lernen.“

Nachdem Petar Drakul eher auf zukünftige Pläne eingegangen ist, berichtet nun Ramazan Selcuk über seine Erfahrungen. Mit seinem Vater kam er 1967 aus der Türkei nach Kirchheim-Teck, seine Mutter hatte den Gesundheitscheck nicht bestanden. In der Schule gab es nur noch ein weiteres Gastarbeiterkind aus Griechenland und Selcuk konnte zu Schulbeginn laut eigener Einschätzung kein Wort Deutsch sprechen: „Ich war im wahrsten Sinne des Wortes sprachlos.“ Eine Gruppe von deutschen Mitschülern versuchte die beiden Gastarbeiterkinder zu verprügeln. Der Anführer dieser Gruppe habe dann gegenüber einer Lehrerin gesagt, sie selbst seien von den beiden Migranten verprügelt worden. Ramazan Selcuk konnte sich nicht gegen die Anschuldigungen wehren. „Ich muss Deutsch lernen.“, war die Schlussfolgerung, die er aus dieser Erfahrung gezogen habe.

Selcuks Familie wohnte in einer beengten Wohnung neben einer Fabrik, in der die Küche zu viert geteilt wurde. Auf der anderen Straßenseite wohnten deutsche Kinder, mit denen er spielen konnte. So habe er spielerisch die deutsche Sprache gelernt. Den Kontakt mit Deutschen sieht er insgesamt als sehr wichtig für seinen weiteren Lebensweg an. Bei den Jusos sei er sehr gut aufgenommen worden und konnte sich politisch engagieren. Nach einer Ausbildung hat er anschließend studiert. Insgesamt habe er einen sehr mühsamen Weg hinter sich. „Die Gesellschaft war nicht auf die Migranten vorbereitet.“, meint er. Immerhin gebe es aber in Deutschland ein großes ehrenamtliches Engagement in Vereinen und Parteien in Deutschland, was für die Integration von Zuwanderern hilfreich sei. Auch viele Migranten seien in Vereinen aktiv.

Sechs Jahre bis zum deutschen Pass

In der anschließenden Fragerunde wird angemerkt, dass die Lehrerausbildung verbessert werden müsse, um besser mit Schülern umgehen zu können, die Probleme mit der deutschen Sprache haben. Interkulturelle Kompetenzen sollten dabei eine stärkere Rolle spielen. So ist ein Ziel von Petar Drakul, dass mehr Lehrer mit Migrationshintergrund eingestellt werden. Auch eine interkulturelle Öffnung der Verwaltung sei nötig. Viele Migranten seien Ärzte und Ingenieure, im Staatsdienst finde man aber nur sehr selten einen Migrationshintergrund. Ramazan Selcuk führt dies auch auf die großen Hürden zur deutschen Staatsangehörigkeit zurück. Bei ihm habe es sechs Jahre bis zum deutschen Pass gedauert. Nach Beginn seines Studiums habe man ihm auf Nachfrage nach dem aktuellen Stand seines Einbürgerungsantrags gesagt: „Sie verdienen nichts mehr, wie wollen Sie da eingebürgert werden?“

Beide Referenten geben zu, dass ihr Lebensweg nicht unwesentlich von glücklichen Umständen begünstigt war. Integration solle nicht zu sehr vom Glück abhängen, meint Ramazan Selcuk. Petar Drakul sagt, dass es immer diejenigen gebe, die sich selbst am Schopf ziehen würden. Den anderen müsse aber die Politik helfen. Hierbei bringt er den bei SPD-Veranstaltungen wohl unvermeidlichen Verweis auf die Geschichte der Sozialdemokratie: Bei der Arbeiterbewegung im 19. Jahrhundert und später bei der Frauenbewegung sei es der SPD immer um Teilhabe und sozialen Aufstieg gegangen. Gleiches solle nun für die Migranten verwirklicht werden, weshalb Integrationspolitik ein für die Sozialdemokratie maßgeschneidertes Thema sei.

Guttenberg spricht auch nicht englisch zu Hause

Auch die Migranten seien gefordert, sagt eine Diskussionteilnehmerin. Viele Türkischstämmige hätten beispielsweise Probleme damit, wenn ihre Kinder Deutsche ohne Migrationshintergrund heiraten würden. Ramazan Selcuk sagt daraufhin, er finde es gut, dass in der SPD im Gegensatz zum Kulturrelativismus bei den Grünen auch die Probleme bei der Integration offen diskutiert würden. Die Grünen würden immer von schönen anderen Kulturen sprechen, dabei seien andere Kulturen auch oft sehr anstrengend. Ein Desinteresse an der Integration gebe es aber bei der Mehrzahl der Türken in Deutschland nicht.

„Multikulti-Blablabla“, fällt Petar Drakul zu den Grünen ein. Er will eine „Integration durch Partizipation“, womit er die Mitwirkung der Migranten in der deutschen Gesellschaft und Politik meint. Statt sich in türkischen oder griechischen Vereinen zu treffen, sollten sie seiner Meinung nach besser in anderen Vereinen wie Fußballvereinen mitwirken. Eine Leitkultur, wie vor einigen Jahren vom damaligen CDU-Fraktionsvorsitzenden Friedrich Merz gefordert, benötige man nicht, das Grundgesetz sei als Basis des Zusammenlebens völlig ausreichend. Von Migrantenfamilien solle auch nicht verlangt werden, immer zu Hause deutsch zu sprechen. „Da müssen wir die Kirche im Dorf lassen.“, sagt der Mannheimer. Die Kinder würden die deutsche Sprache ohnehin spätestens in der Kita lernen. Karl-Theodor zu Guttenberg, der gerade in den USA ist, spreche schließlich bestimmt auch nicht englisch mit seiner Tochter.

Sich selbst sieht Petar Drakul als Scharnier zwischen den Migranten und der deutschen Gesellschaft. Ihm falle es auch leichter, Kritik an den Migranten zu üben, wenn er es für nötig halte. So besuche er öfter türkische Vereine und kritisiere dort offen die Parallelstrukturen, die durch solche Initiativen entstehen. Ziel müsse es sein, ein größeres Miteinander zu schaffen und keine Trennung.

In Zukunft sei in Deutschland eine Willkommenskultur für Zuwanderer wichtig, sodass beispielsweise polnische Ärzte auch verstärkt nach Deutschland statt nach England kommen. Immerhin verstehe sich Deutschland mittlerweile als Einwanderungsland.

Dass auch für Deutsche die Integration schwierig sein kann, wenn sie in ein anderes Bundesland ziehen, wird zum Ende der Veranstaltung deutlich: Als Bayerin habe sie sich im Schwabenland ziemlich umgewöhnen müssen, meint eine Genossin. Die Schwaben seien nämlich deutlich weniger direkt, als sie es aus ihrer Heimat gewohnt sei.

Spielerische Integration ohne „Multikulti-Blablabla“

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