Von Roland Keller

Die SPD wird in der Öffentlichkeit oft als alte Tante bezeichnet. Sie ist aber wohl eher eine große Familie mit allem, was dazugehört, wie auch bei der Jahreshauptversammlung des SPD-Ortsvereins in Tübingen deutlich wird.

Das Ambiente im Versammlungsraum erinnert manche vielleicht an die Feier eines runden Geburtstags, zu der viele Verwandte eingeladen sind. Vier große Tische stehen im Saal und etwa 70 Genossen sind da. Die Jugend, bei der SPD als Jusos bezeichnet, hat sich am Ende eines Tischs versammelt; ansonsten gibt es einige im mittleren Alter und ziemlich viele ältere Mitglieder, von denen nicht wenige bereits Rentner sind. Im Unterschied zu einer herkömmlichen Familienfeier ist die Generation der um das Jahr 1970 Geborenen unterrepräsentiert und die Musik von Wolfgang Petry im Hintergrund fehlt auch.

Die Versammlung beginnt nostalgisch mit der Ehrung langjähriger Mitglieder. An die Jahre ihres Eintritts erinnert man sich gerne: 1962 hatte Willy Brandt seine Kanzlerschaft noch vor sich und 1972 hat die SPD ihren größten Wahlerfolg in der Nachkriegsgeschichte erzielt. Die Kampagne „Willy wählen“ begeisterte viele für die Sozialdemokratie und man hatte Probleme, die zahlreichen Neumitglieder richtig in die Partei zu integrieren, wie die damalige Ortsvereinsvorsitzende der SPD Tübingen erzählt.

Der jetzige Ortsvereinsvorsitzende Thomas Volkmann, der nach eigener Aussage aus der „Stadt von Friedrich Engels und Johannes Rau“ – gemeint ist damit Wuppertal – kommt, wird mit großer Mehrheit wiedergewählt. Der von ihm angeführte Vorstand ist eine recht bunte Truppe und besteht unter anderem aus einem Wissenschaftler, zwei künftigen Lehrerinnen, einer Erzieherin und zwei Rentnern. Die zu Beginn ausgeteilte Wahlempfehlung des bisherigen Vorstands wird allerdings nicht komplett in die Tat umgesetzt: Nach einigem Bemühen wird noch eine zusätzliche Frau gefunden, sodass die vorgegebene Geschlechterquote erfüllt ist. Ein vorgeschlagener Kandidat ist daher aber nicht Mitglied im neuen Vorstand.

Während der Veranstaltung loben sich die Genossen oft gegenseitig, wobei mehrere Geschenke an Mandatsträger und ausgeschiedene Funktionäre verteilt werden. Der Tenor der Berichte aus dem Gemeinderat und dem Kreistag sowie aus der Landespolitik, die detailliert, aber nicht frei von Phrasen („dicke Bretter bohren“) sind, lautet: Es ist viel SPD drin. Die Partei habe bei vielen wichtigen Beschlüssen mitgewirkt und endlich könne man sozialdemokratische Politik auch auf Landesebene umsetzen.

In fast jeder Familie gibt es jemanden, der zu den gemeinsamen Treffen eine sehr weite Anreise hat und den Verwandten von der Welt außerhalb der Heimatregion berichten kann. Bei der SPD Tübingen übernimmt diese Rolle die für den Wahlkreis zuständige Ulmer Bundestagsabgeordnete Hilde Mattheis, die trotz einer Erkältung für einen Bericht aus Berlin angereist ist. Nach ihren Ausführungen zeigen sich dann, wie in einer großen Familie üblich, doch einige Risse innerhalb der Partei. Viele Genossen äußern sich zur in der Rede angesprochenen Rente mit 67. Dabei sind die Parteimitglieder im Rentenalter, die sich zu Wort melden, alle gegen diese Reform. Franz Müntefering werde er dies sein Leben lang nicht vergessen, sagt ein älterer Genosse. Auch sonst gibt es recht leidenschaftliche Reden gegen die Verlängerung der Lebensarbeitszeit, wobei manchmal auf den Tisch gehauen wird. Die jüngeren Parteimitglieder sind dagegen geteilter Meinung: Als der ehemalige Juso-Landesvorsitzende sich positiv zur Rente mit 67 äußert und zudem betont, dass hohe Schulden kommenden Generationen schaden würden, applaudieren recht viele Jusos; aber auch unter dem jüngeren Genossen gibt es kritische Aussagen zum derzeitigen Rentensystem. Der Applaus ist nach einem Wortbeitrag, in dem Verständnis für die Befürwortung der Rentenreform durch einige aus der jungen Generation geäußert wird, so stark, dass das Präsidium die Jusos ermahnt, bitte nicht wie auf einem Parteitag im Stakkato zu klatschen.

Richtig emotional wird es dann, als plötzlich ein Genosse Hilde Mattheis während der Beantwortung einer Frage zur Rente mit 67 wütend unterbricht und sagt, dass sie einen in Tübingen ausgearbeiteten Rentenantrag während eines Landesparteitags abgebügelt habe, ohne sich näher damit zu beschäftigen. „Das ist unredlich, Hilde!“, ruft er. Die Bundestagsabgeordnete entgegnet streng: „Wir kennen deine Ausbrüche!“, macht aber den Eindruck, als könne sie sich an die Sache nicht mehr richtig erinnern.

Vielleicht ist die SPD am ehesten mit einer italienischen Familie, in der es ziemlich temperamentvoll zugeht, vergleichbar. Der preisgekrönte Film „La famiglia“ (deutsch: „Die Familie“) des Regisseurs Ettore Scola aus dem Jahr 1987 zeigt beispielhaft die Entwicklung einer solchen italienischen Großfamilie über mehrere Jahrzehnte. Dabei gibt es viele Streitigkeiten und man sieht sich oft längere Zeit nicht, kommt aber immer wieder in der gleichen Wohnung zusammen. Die Treffen unterscheiden sich vor allem dadurch, dass die Familienmitglieder jedes Mal etwas älter aussehen. Die Frau, die eine recht weite Anreise hat, kommt auch vor und wird von Fanny Ardant gespielt.

Wie bei solchen Veranstaltungen nicht unüblich, klingt die Jahreshauptversammlung nach der emotionalen Diskussion eher langsam aus. Es dauert lange, bis das Ergebnis der Wahl der Kreisdelegierten bekannt gegeben wird, da viele Stimmen ausgezählt werden müssen. Währenddessen gehen schon recht viele Genossen. Die Wahl ist zum Teil zufällig, da sich die Kandidaten bei Nennung ihres Namens nur kurz erhoben haben. Eine Vorstellung jedes Kandidaten hätte sehr viel Zeit erfordert und ist vielleicht bald ohnehin nicht mehr erforderlich. Die Kreisdelegiertenkonferenzen sollen nämlich durch Mitgliederversammlungen ersetzt werden. Dann wird auch kein so langes Warten auf die Wahlergebnisse der Delegierten mehr erforderlich sein, nach deren Bekanntgabe die Jahreshauptversammlung endet.

Und so wird sich die SPD auch im nächsten Jahr wieder in Tübingen treffen, möglicherweise im gleichen Raum. Vermutlich wird es ähnlich ablaufen wie in diesem Jahr und die Leute werden nur unwesentlich älter aussehen. Die SPD hat ihre mitgliederstärksten Jahre wahrscheinlich hinter sich und ist in den letzten Jahrzehnten geschrumpft. Sie wird aber eine recht große Partei bleiben, in der es emotional zugeht, viel gestritten wird und gelegentlich etwas nostalgisch der guten alten Zeit gedacht wird.

 

 

La famiglia SPD

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