Am Sonntag, an dem die Winterzeit begonnen hatte (30. Oktober), machten sich vier Jusos aus Tübingen auf den kurzen Weg ins benachbarte Reutlingen. Dort wurde das Regioseminar der Jusos für das „Nördliche Südwürttemberg“ ausgerichtet, wobei es für Unkundige sicherlich schwierig ist, sich unter diesem Namen eine Region vorzustellen. Wer mag wohl diesen Begriff erfunden haben?

Die Veranstaltung fand in den Räumen der Jusos und SPD Reutlingen statt, die sich in einem recht modernen Gebäude befanden. Zunächst war ein kurzes Warten vor der durch einen Code geschützten Tür erforderlich. Eingebrochen wurde bisher offensichtlich vielleicht aufgrund der Sicherheitsvorkehrungen noch nicht. So finanzkräftig ist die SPD wohl aber auch nicht, dass man durch einen Einbruch im Reutlinger Büro reich werden könnte. Der Sitzungsraum entsprach nicht dem Klischee, dass Linke oft etwas chaotisch seien; er war gut aufgeräumt. Dort trafen sich nun etwa 20 Teilnehmer, die meisten davon um die 20 Jahre alt und fast alle Schüler oder Studenten. Von der Wand blickte sie Willy Brandt mit Zigarette im Mund auf einer Gitarre spielend an. Außerdem waren Bilder einer Ausstellung zu Gastarbeitern aufgehängt, die der Reutlinger Landtagsabgeordnete Nils Schmid organisiert haben soll. Über das Ambiente konnte man sich nicht beschweren.

Amely, die die Veranstaltung organisiert hatte und für die Region hauptsächlich zuständig ist, begrüßte zu Beginn alle Anwesenden. Sie war bei dem Treffen, das eine sehr geringe Teilnehmerinnenquote hatte, eine von nur vier anwesenden Frauen. Nur der Tübinger Kreisverband stellte hier mit zwei Männern und zwei Frauen eine Ausnahme dar. Nach der Begrüßung diskutierte man einige Zeit über das vergangene Jahr in der Region und über zukünftige Pläne. Mit der Idee, sich bei den nächsten Seminaren mit dem Thema „Moderne Infrastruktur“ zu beschäftigen, waren alle einverstanden. Außerdem wurde der Wunsch geäußert, den Verwaltungsaufwand für die Kreisvorsitzenden zu erleichtern, damit sie sich auch mal um politische Themen kümmern könnten.

Dann war Mittagspause und bevor sich die Teilnehmer in verschiedene Restaurants verteilten, wurde von einigen noch das Büro nebenan besichtigt. Dort hingen alte Wahlplakate, auf denen unter anderem der bis dato letzte SPD-Kanzler zu sehen war („Ein moderner Kanzler für ein modernes Land.“). Außerdem war an der Wand die Liste der SPD-Vorsitzenden chronologisch aufbereitet, wobei in weiser Voraussicht noch Platz für eventuelle Nachfolger gelassen wurde. Vielleicht ist bis zum nächsten „Trainerwechsel“ aber noch etwas Zeit. Nach dem Mittagessen stellte der Gastredner Parsa Marvi aus Karlsruhe, der im Bundesausschuss der Jusos sitzt, verschiedene Sozialstaatsmodelle vor. Diese werden oft in drei Kategorien eingeteilt, zu denen der sozialdemokratische Wohlfahrtsstaat in Skandinavien, der konservative Sozialstaat in Deutschland und Frankreich sowie der angelsächsische Sozialstaat in den Vereinigten Staaten und Großbritannien gehören. Parsa machte deutlich, dass er entgegen von bedeutenden SPD-Politikern wie Kurt Beck das skandinavische Modell favorisiert. Innerhalb der SPD setzen sich Parsas Einschätzung nach ältere Politiker eher für die Erhaltung des bisherigen Sozialstaats ein, während viele jüngere SPD-Mitglieder eher seine Meinung vertreten. Nach der ausführlichen Darstellung der deutschen Sozialversicherungen war für eine Diskussion nicht mehr so viel Zeit; es gab aber auch nicht besonders viele Fragen. Möglicherweise waren viele Anwesende von der Information erschlagen oder ihr Biorhythmus hatte sich noch nicht an die Zeitumstellung gewöhnt.

Der letzte Programmpunkt beinhaltete einen Besuch bei der Wohnungshilfe der Arbeiterwohlfahrt (AWO), wohin die Seminarteilnehmer mit mehreren Autos fuhren. Die Geschäftsführerin Gisela Steinhilber führte sie über eine Treppe an den  Männerwohnungen vorbei in ihr Büro und berichtete dort über ihre Arbeit. Die Wohnungen, ein Männer- und ein Frauenwohnheim mit insgesamt etwa 20 Plätzen, sind für Personen in schwierigen Verhältnissen gedacht, die keine Bleibe finden. Frau Steinhilber betonte die Vielfalt der Schwierigkeiten, in denen die Wohnungssuchenden stecken. Häufig handele es sich um psychische Probleme sowie um Alkohol- und Drogensucht; den Leuten fehle Unterstützung durch Familie und Freunde. Allerdings sei eine Generalisierung nicht möglich; die Fälle seien sehr einzigartig und das Alter reiche von 18 bis 70. Auf die Frage, wie man die AWO bei ihrer Arbeit unterstützen könne, antwortete die Geschäftsführerin, dass dies über Spenden sowie die Thematisierung des Problems der Obdachlosigkeit in der politischen Diskussion möglich sei.

Zum Abschluss des allgemein als gelungen betrachteten Regioseminars versammelten sich alle Teilnehmer vor dem Eingang zur AWO und mehrere Gruppenfotos wurden gemacht, einige mit Juso-Fahne, andere nur mit den Anwesenden. Danach begaben sich alle auf die unterschiedlich lange Reise zurück in ihren Heimatort irgendwo in der Region „Nördliches Südwürttemberg“.

(Roland Keller, Vorstand der Juso-AG Tübingen)

 

Mitten im „Nördlichen Südwürttemberg“ – das Juso-Regioseminar in Reutlingen

Ein Gedanke zu „Mitten im „Nördlichen Südwürttemberg“ – das Juso-Regioseminar in Reutlingen

  • 2. November 2011 um 15:05
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    Sehr guter Text, Roland! Würde mich freuen, wenn Du sowas öfters mal machst. 🙂

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