Von Roland Keller
SPD-Vorsitzender, das „beste Amt nach Papst“, dazu Generalsekretär, Arbeitsminister und Vizekanzler – nur einige der politischen Ämter von Franz Müntefering, oft Münte genannt. Vor einigen Jahren hat er die umstrittene Rente mit 67 mit eingeführt, ein Alter, das der 72-Jährige mittlerweile selbst deutlich überschritten hat. Eine Art Altersteilzeit bahnt sich nun an, da Münte nicht für den nächsten Bundestag kandidieren wird. Vorträge zum demographischen Wandel, wozu die Jusos ihn nach Tübingen eingeladen haben, wird er wohl auch dann noch halten.

In zackigem Schritt betritt Müntefering mit dem obligatorischen roten Schal das gut gefüllte Audimax der Uni. Man könnte ihn auch für Anfang 60 halten. Ohne Manuskript hält der frühere SPD-Chef eine druckreife Rede. Seine sauerländische Herkunft ist ihm manchmal anzuhören, er sagt „getzt“ statt „jetzt“ sowie „Omma und Oppa“.


67 statt 81 Millionen

Insgesamt werde Deutschland nach aktuellen Prognosen im Jahr 2050 nur noch 67 Millionen Einwohner haben, beginnt Münte. Regional wirke sich dies sehr unterschiedlich aus: In Städten wie Tübingen bleibe die Einwohnerzahl fast konstant, während einige abgelegene Dörfer deutlich an Bevölkerung verlieren würden. Münteferings Großmütter hätten noch 13 bzw. 7 Kinder gehabt, heute seien 32 % der im Jahr 1970 geborenen Frauen kinderlos. „Auch mit 80 werden viele dieser Frauen keine Kinder haben, dafür wird die Biologie schon sorgen“, sagt der frühere SPD-Chef. Durch Zuwanderung könne man der Schrumpfung Deutschlands nur unwesentlich entgegenwirken: „Es stehen nicht Millionen vor den deutschen Grenzen.“

Töchter und Enkeltöchter denken anders

Um die Rente zukünftig finanzieren zu können müsse der Anteil der Berufstätigen im erwerbsfähigen Alter, insbesondere bei Frauen, deutlich erhöht werden. Münteferings Vater habe gesagt: „ Ich verdiene so viel, dass meine Frau nicht arbeiten muss.“ „Die Töchter und Enkeltöchter sehen das heute anders“, meint der frühere Bundesminister. Das Denken, Papa ernährt die Familie und Mama arbeitet mit, wenn Zeit ist, müsse aufhören. „Sie müssen das hinbekommen!“, sagt Münte zu den anwesenden Studenten.

Durch Patenschaften könne man auch die Chancen der Schulabbrecher verbessern. Zusätzlich solle der Berufsausstieg nicht zu früh erfolgen. In den Achtzigerjahren hätten die Firmen Leute schon mit 50 nach Hause geschickt, obwohl die Lebenserfahrung älterer Arbeitnehmer ihre geringere Geschwindigkeit oft ausgleiche. „Ältere laufen nicht mehr so schnell, sie kennen aber oft eine Abkürzung.“, so der SPD-Mann, der immer als Parteisoldat galt.

Die Bedeutung sozialer Netzwerke

Das größte Problem vieler alter Menschen sei die Einsamkeit, meint der vom „SZ-Magazin“ mal mit der Aussage „Ich bin ein Alleiner“ zitierte Müntefering. Depression und Demenz führt er auch auf das Gefühl, allein gelassen zu werden, zurück. Soziale Netzwerke seien daher hilfreich, sagt Münte und meint damit nicht „Facebook“, sondern den Kontakt mit anderen Menschen vor Ort. Es bestehe auch die Gefahr, dass sich gerade bei Debatten über Sterbehilfe viele Alte fragten, ob sich ihr Leben noch lohne. „Auch wenn man nicht mehr olympiareif ist, hat das Leben noch einen Wert“, sagt der frühere SPD-Chef dazu.

Bei den 20- bis 40-Jährigen sieht Müntefering dagegen eine zu große Hektik, die ein stärkeres Engagement in Vereinen verhindere. Weniger Stress zwischen 20 und 40, dafür etwas mehr Arbeit in höherem Alter, so lautet sein Rezept. Firmen müssten gesellschaftliches Engagement, auf das die Gesellschaft angewiesen sei, stärker unterstützen, meint er.

Stress könne auch durch die neuen Medien ausgelöst werden. Sogar Firmen wie Bayer schrieben mittlerweile ihren Mitarbeitern vor, ihre Handys am Wochenende abzustellen, damit sie nicht verrückt würden. Auch im Bundestag gebe es eine übertriebene Nutzung von Handys, meint der SPD-Mann. Wichtige Zeit zum Nachdenken ginge dadurch verloren.

Kein „Hau den Lukas“

Nach dieser Mahnung zum Abschluss seiner Rede geht Müntefering im Gespräch mit dem SPD-Landesvorstandsmitglied Hendrik Bednarz auf die Zukunftsfähigkeit von Regionen ein. Eine entscheidende Rolle spiele dabei für Eltern das Vorhandensein von guten Schulen und Vorschulen für ihre Kinder, wofür die Kommunen die Verantwortung trügen. Für die alten Leute seien dagegen Arzt, Bäcker und Bus wichtig, sie wollten nicht im Wald leben und die Vögel singen hören. „Kann ich hier gut alt werden?“, sei die entscheidende Frage. Daher zögen auch mittlerweile immer mehr Alte vom Land in die Städte.

Die beiden Genossen diskutieren auch über das bereits deutlich gestiegene faktische Rentenalter. Die Arbeitssuche der Über-50-Jährigen werde erschwert, weil es als üblich gelte, dass der Lohn mit dem Alter steige und man in der Hierarchie immer weiter nach oben komme. „Bei Ballack erwartet das auch keiner“, sagt Müntefering. Zukünftig werde es außerdem immer üblicher, im Laufe des Lebens mehrere Berufe auszuüben. Eine Umschulung dürfe dabei nicht mehr als Absturz empfunden werden. Mit 45 könne man beispielsweise vom Dachdecker zum Kundenbetreuer werden. „Ich war Industriekaufmann und dann Politiker und konnte hoffentlich beides“, so Müntefering. Nicht sinnvoll sei außerdem ein plötzliches Ende der Arbeit nach dem Motto „Hau den Lukas“, meint er. Nach der Wahlschlappe 2009 habe er auch nicht komplett die Politik verlassen und so gesehen, wie es in der zweiten Reihe sei, wenn man nur noch als Joker für zehn Minuten eingewechselt werde.

Sozialpolitische Zerstörungswut?

Ein Genosse kritisiert in der folgenden Fragerunde die „sozialpolitische Zerstörungswut“ der Agenda 2010. Müntefering verteidigt nun die Reformpolitik, für die sich die Sozialdemokraten nicht genieren sollten. Es seien mittlerweile mehr Leute in den Arbeitsmarkt integriert, eine Frage der Menschenwürde. Der Kritiker muss wohl anerkennen, dass sein ehemaliger Parteivorsitzender die Reformen aus Überzeugung unterstützt hat.

Zum Abschluss sagt Müntefering noch, dass Altersarmut zwar in Zukunft ein Problem werden könne, allerdings noch nie eine Rentnergeneration ein so großes Polster gehabt habe wie die derzeitigen Rentner: „Die Geschenke von Oma und Opa sind heute oft größer als die von Mama und Papa.“

Münte für zehn Minuten eingewechselt

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.