Ein Bericht von Roland Keller

Die Eurokrise beschäftigt uns mittlerweile schon seit mehreren Jahren. Wie sie überwunden werden soll, ist unter Experten heftig umstritten. Die FDP-nahe Friedrich-Naumann-Stiftung und die Uni Tübingen haben zu dem etwas sperrigen Thema „Reflections on Unconventional Monetary Policy Measures and European Economic Governance” (deutsch: „Unkonventionelle währungspolitische Maßnahmen und europäische Wirtschaftsführung“) einen Gast nach Tübingen eingeladen, der den Beginn der Krise hautnah miterlebt hat: Es handelt sich um den Franzosen Jean-Claude Trichet, der bis Oktober 2011 Präsident der Europäischen Zentralbank (EZB) in Frankfurt war.

International und exzellent

Zu Beginn der Veranstaltung im gut gefüllten Festsaal der Universität ergreift der für internationale Angelegenheiten zuständige Prorektor Heinz-Dieter Assmann das Wort. Er begrüßt zunächst einige wichtige Anwesende wie den Oberbürgermeister Boris Palmer und zeigt sich erfreut, dass ein so bedeutender Gast wie Jean-Claude Trichet den Weg nach Tübingen gefunden hat. Trichet habe sich kürzlich in einer Rede an der Humboldt-Universität in Berlin beeindruckt darüber gezeigt, welche wichtigen Geistesgrößen, wie beispielsweise Albert Einstein, in Berlin wirkten. Damit könne Tübingen problemlos mithalten, meint Assmann, und zählt unter anderem Hegel, Hölderlin und Uhland auf. „Der Schiller und der Hegel, der Uhland und der Hauff, das ist bei uns die Regel, das fällt nicht weiter auf“, zitiert er einen bekannten Spruch. International sei die Universität Tübingen seit ihrer Gründung und zudem noch kürzlich in der Exzellenzinitiative erfolgreich gewesen.

Nachdem der Prorektor dem ehemaligen EZB-Präsidenten klar gemacht hat, in welch bedeutender Stadt er sich befindet, hält nun Michael Theurer ein hochaufgeschossener FDP-Mann und EU-Parlamentarier auch noch eine kurze Rede. „Nichts treibt uns um wie die Finanzkrise“, sagt er. „Nothing is driving us around like the financial crisis“, würde seiner Meinung nach der EU-Kommissar Günther Oettinger dazu sagen, über dessen holpriges Englisch schon öfters geschmunzelt wurde. Nach diesem Scherz, der für einige Lacher im Publikum sorgt, macht der ehemalige Landtagsabgeordnete Theurer deutlich, dass er für eine Fiskalunion in Europa ist. Die „Vereinigten Staaten von Europa“ hält er für ein erstrebenswertes Ziel. Auch er freue sich, dass Trichet nach Tübingen gekommen sei, sagt der FDP-Mann. Er habe festgestellt, dass der Finanzexperte ein für einen Franzosen außergewöhnlich gutes Englisch spreche, lobt er noch.

„Jetzt sind Sie dran!“ 

Nach dem zumindest äußerlich etwas streng anmutenden Theurer betritt nun der deutlich kleinere Jean-Claude Trichet, ein eleganter älterer Herr mit vollem grauen Haar, die Bühne. In seinem charmant wirkenden stark französisch gefärbten Englisch stimmt er zunächst Assmann zu und sagt, dass die Humboldt-Universität nicht die einzige Uni sei, die stolz auf sich sein könne. Dann erklärt er dem größtenteils studentischen Publikum seine Sicht auf die Finanzkrise. Früher wäre man der Ansicht gewesen, dass wirtschaftlich gut entwickelte Länder wie die Vereinigten Staaten und Deutschland vor großen finanziellen Krisen geschützt seien. Dies habe sich nun geändert: Es handele sich nicht nur um eine europäische Krise, sondern insgesamt um eine Krise der entwickelten Wirtschaftsregionen. Schon 2007 seien Turbulenzen an den Finanzmärkten zu spüren gewesen, bevor dann mit dem Bankrott der amerikanischen Investmentbank „Lehman Brothers“ 2008 die Finanzkrise richtig begonnen habe. Zu diesem Zeitpunkt sei das Epizentrum der Krise in den USA gewesen, ein Jahr später dann in Europa. „Jetzt sind Sie dran!“, habe der Chef der amerikanischen Notenbank, Ben Bernanke, damals zu Trichet gesagt.

Die Europäische Zentralbank unterscheidet sich nach Darstellung des früheren EZB-Chefs von allen anderen Notenbanken darin, dass Preisstabilität ihr Hauptziel sei. Daher hätte die EZB als einzige Notenbank auch nicht als Reaktion auf die Finanzkrise die Leitzinsen auf etwa 0 % gesenkt. Alle Notenbanken müssten aber, wie Jean-Claude Trichet schildert, auf unkonventionelle währungspolitische Maßnahmen wie den Aufkauf von Staatsanleihen zurückgreifen.Bei diesen Maßnahmen sei es wichtig, sie richtig zu dosieren, um kein falsches Signal an die Märkte zu senden

Mehr Macht für Brüssel

Für die Finanzkrise nennt Trichet mehrere Ursachen: Ein Grund seien die zu großen Defizite zwischen Ein- und Ausgaben in vielen Staaten. Nur wenige Länder wie Kanada, Schweden und
Deutschland hätten ein akzeptables Defizit. Im Euroraum verstoßen nach Meinung des ehemaligen EZB-Chefs zu viele Staaten gegen den Stabilitätspakt, der ein Ersatz für die noch fehlende politische Föderation sei. Die Wettbewerbsfähigkeit vieler Staaten sei außerdem zu gering. Deutschland, nach der Wiedervereinigung international nicht konkurrenzfähig, habe als Exportnation die Notwendigkeit zu Reformen gesehen und dadurch seine Wettbewerbsfähigkeit
verbessert. Bei weniger exportorientierten Staaten sei der Druck zu Reformen geringer, was für Trichet ein großes Problem darstellt.

„Europa muss in Zukunft ein Markt werden.“, sagt der Finanzexperte zum Abschluss seiner Rede. Arbeitsmarktreformen seien in vielen Ländern erforderlich und die Finanzpolitik müsse stärker zentralisiert werden. Einen EU-Finanzminister hält Trichet dabei für notwendig. In Ausnahmesituation solle es Brüssel zudem erlaubt sein, Ausgaben bestimmter Staaten einzufrieren. Diese Zentralisierung sei wegen der großen Abhängigkeit der europäischen Länder voneinander erforderlich.

Können wir noch mit China mithalten?

Nach dem Vortrag des früheren EZB-Chefs gibt es eine Diskussion, in der Fragen aus dem Publikum beantwortet werden. Dabei sitzt Trichet eingerahmt von Assmann und Theurer auf dem
Podium. Die drei ungleichen Männer bilden ein unfreiwillig komisches Gespann. Während Trichet wie ein charmanter Großvater wirkt, der seinen Enkeln die Lage der Welt erklärt, verfolgt Assmann die Debatte meistens regungslos und ist in seinem Sessel versunken. Nur einmal lächelt er zufrieden, als die Internationalität der Uni Tübingen thematisiert wird. Theurer ruft die Fragensteller aus dem Publikum auf und lobt häufig die hohe Qualität der Fragen. Einmal verweist
er darauf, dass das EU-Parlament den luxemburgischen Kandidaten für das EZB-Direktorium Yves Mersch kürzlich abgelehnt hat, da der Posten an eine Frau vergeben werden sollte. Daher dürfe nun eine Frau die nächste Frage stellen, sagt der FDP-Mann gönnerhaft. Ob er damit gegen die Positionen seiner Partei verstößt, bleibt unklar.

Die Fragen, die alle in englischer Sprache gestellt werden, sind häufig nur schwer zu verstehen. Allerlei Akzente sind zu hören, die sich einige vielleicht bei längeren Auslandsaufenthalten angeeignet haben. Ein Student, der länger in China war, fragt, ob Deutschland denn nun noch mit solchen aufstrebenden Ländern mithalten könne. Hierzu meint Trichet, dass der Aufschwung in China grundsätzlich positiv zu sehen sei, Europa sich aber unbedingt verändern müsse, um wettbewerbsfähig zu bleiben. Vielleicht lächeln hier einige der anwesenden FDP-Mitglieder innerlich. Schließlich redet ihre Partei oft und gerne von Wettbewerb.

Parlamentarier wie Eunuchen

Zum Abschluss hat ein weiterer FDP-Mann die undankbare Aufgabe, auch noch eine kurze Rede zu halten. Als der Mann mit grauem Vollbart und gemütlicher Stimme auf die Bühne kommt, denken manche vielleicht zunächst, dass es sich um den ehemaligen Ministerpräsidenten von Schleswig-Holstein, Peter Harry Carstensen, handelt. Doch es spricht der frühere FDP-Landtagsabgeordnete Hinrich Enderlein und das als einziger an diesem Abend in deutscher Sprache. Zu Beginn seiner Rede hat sich der Saal schon deutlich geleert. „Europa ist unsere Zukunft, eine andere haben wir nicht.“, zitiert Enderlein seinen Parteigenossen Hans-Dietrich Genscher. Man dürfe Europa nicht den Bedenkenträger überlassen, betont er außerdem. Das Parlament benötige mehr Rechte, die Parlamentarier wirkten häufig wie Eunuchen, die wüssten, wie es gehe, denen aber die Mittel fehlen würden.

Vor dem Festsaal findet dann am Ende noch ein Empfang statt, bei dem es Wein und Sekt gibt. Ob die wie der Euro kriselnde FDP an diesem Abend einige Neumitglieder für sich hat gewinnen können, bleibt offen. Diese Krise treibt Europa aber wohl deutlich weniger um als die Eurokrise.

Umgetrieben von der Krise
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Ein Gedanke zu „Umgetrieben von der Krise

  • 13. November 2012 um 23:13
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    Eigentlich gar nicht schlecht geschrieben,bei der ein oder anderen Spitze musste ich sogar etwas schmunzeln ;-). Ich freue mich aber in jedem Fall, dass unsere Veranstaltung auch bei euch auf so viel Anklang gestoßen ist.

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